Geiseldrama von Gladbeck
Filmszene: Das Verbrecher-Duo Rösner (Sascha Alexander Gersak) und Degowski (Alexander Scheer, links) bringt einen Bus und die Fahrgäste in seine Gewalt. Bild © picture-alliance/dpa

Das Gladbecker Geiseldrama hielt im Sommer 1988 ganz Deutschland in Atem. Ein ARD-Spielfilm erzählt die Geschichte nun nach. Aber was ist damals genau passiert? Und wie viel Wahrheit steckt in der Verfilmung?

Das Geiseldrama

Geiseldrama von Gladbeck
In dieser Bank in Gladbeck begann das Geiseldrama 1988. Bild © picture-alliance/dpa

Am 16. August 1988 um kurz vor 8 Uhr morgens überfallen die Berufskriminellen Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski die Deutsche-Bank-Filiale im nordrhein-westfälischen Gladbeck. Kurz darauf eskaliert die Situation: Die Täter nehmen zwei Bankangestellte als Geiseln.

Nach langen Verhandlungen lässt die Polizei die Kriminellen am Abend mitsamt zwei Geiseln und 300.000 Mark Lösegeld in einem mit Peilsender präparierten Fluchtauto beobachtungsfrei abziehen. Auch Rösners Freundin Marion Löblich steigt dazu. Hier nimmt die blutige Irrfahrt durch Deutschland ihren Anfang.

17. August

Rösner und Degowski erreichen mit Marion Löblich und ihren Geiseln Bremen. Sie kapern einen Bus mit 35 Insassen. Immer dabei: Die Medien. Geiselnehmer und Geiseln - mit der Pistole am Kopf - geben den Pressevertretern Interviews. Im Verlauf des Tages werden die zwei Bankangestellten und fünf Bus-Insassen freigelassen. Mit nun 27 Geiseln geht es weiter auf die A1.

Weitere Informationen

Sendetermine

Teil 1: Mittwoch, 07. März, 20:15 Uhr
Teil 2: Donnerstag, 08. März, 20:15 Uhr
Doku: Donnerstag, 08. März, 21:45 Uhr jeweils in der ARD

Ende der weiteren Informationen

Auf einer Raststätte nehmen zwei Polizeibeamte - ohne Weisung der Einsatzleitung - Rösners Freundin Marion auf der Toilette in Gewahrsam. Rösner und Degowski verlangen die sofortige Freilassung und drohen damit, nach fünf Minuten eine Geisel zu erschießen.

Geiseldrama von Gladbeck
Die Geiselnehmer Dieter Degowski (links) und Hans-Jürgen Rösner am 17. August 1988 in dem gekaperten Linienbus in Bremen. Bild © picture-alliance/dpa

Die Einsatzleitung befiehlt zwar, Löblich freizulassen, es kommt aber zu Verzögerungen - und noch vor Verstreichen der Frist schießt Degowski dem fünfzehnjährigen Italiener Emanuele De Giorgi in den Kopf. Er verblutet, weil kein Rettungsfahrzeug zur Verfügung steht.

Die Geiselnehmer fahren weiter in Richtung Niederlande, verfolgt von der Polizei. Dabei kollidiert ein Polizeiwagen mit einem LKW, wobei ein Polizist stirbt und ein weiterer verletzt wird.

18. August

Rösner und Degwoski lassen den Großteil ihrer Geiseln frei. Die Polizei stellt einen neuen Fluchtwagen zur Verfügung, diesmal präpariert mit Mikrofonen und einem Peilsender. Mit zwei junge Frauen aus dem Bremer Bus fahren sie damit nach Köln. In der Innenstadt kommt es abermals zu fragwürdigen Szenen: Die Geiselnehmer geben eine Art Pressekonferenz, Journalisten steigen zu ihnen ins Auto. Sie führen Live-Interviews, wetteifern um die besten Bilder und folgen dem Fahrzeug der Geiselnehmer im Autopulk. Einige bieten sich als Lotsen an, zeigen den Geiselnehmern Fotos von Polizisten, damit sich niemand in Zivil "unterschmuggelt".

Geiseldrama von Gladbeck
Unfassbar: Journalisten belagern den Wagen der Geiselnehmer in der Kölner Innenstadt. Bild © picture-alliance/dpa

Auf einer Raststätte auf der A3 nahe Bonn kommt es schließlich zu einem heftigen Schusswechsel, bei dem die Polizei 62 Schüsse abgibt. Der Zugriff durch die Polizei ist von Pannen geprägt, die Munition etwa kann die Seitenwände des Fluchtwagens nicht durchschlagen.

Die 18-jährige Geisel Silke Bischoff stirbt daraufhin durch eine Kugel aus Rösners Waffe. Ob er den Schuss mit Absicht abgibt oder aus Versehen, ist nicht geklärt. Nach 54 Stunden, in denen Millionen Zuschauer die Ereignisse live am Fernsehen verfolgen können, endet das Geiseldrama von Gladbeck, in dessen Folge drei Menschen sterben. Die Täter werden verhaftet. Nach sechs Jahren wird Marion Löblich wegen guter Führung aus dem Gefängnis entlassen, Dieter Degowski kommt im Februar 2018 auf freien Fuß. Hans-Jürgen Rösner sitzt noch immer in der JVA Aachen.

Bis heute steht kein anderes Verbrechen so sehr für mediale Grenzüberschreitung und polizeiliches Versagen.

Weitere Informationen

Ein Multimedia-Special der tagesschau zeigt die Chronolgie des Geiseldramas mit originalen Ton- und Videoaufnahmen.

Ende der weiteren Informationen

Die Produktion

Bereits 2014 kündigte die ARD an, das Geiseldrama von Gladbeck filmisch aufarbeiten zu wollen, die Dreharbeiten begannen aber erst 2016. Zum einen, weil Geiselnehmer Hans-Jürgen Rösner gegen die Verfilmung klagen wollte. Die zuständige Kammer des Landgerichts Aachens wies seinen Prozesskostenhilfeantrag alledings zurück. Die Begründung: Rösner habe mit seiner angestrebten einstweiligen Verfügung keine Erfolgsaussichten. Der Film berühre zwar seine Persönlichkeitsrechte, die Meinungs- und Rundfunkfreiheit wiege in diesem Fall allerdings schwerer.

Externer Inhalt Ende des externen Inhalts

Zum anderen verzögerte sich der Drehstart durch die langwierigen Nachforschungen zweier Journalisten, die den Fall noch einmal von Grund auf recherchierten, um Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt und dem hessischen Regisseur Kilian Riedhof wichtige Erkenntnisse für ihre Arbeit zu liefern. Gut vier Jahre nach Beginn der Produktion - und genau 30 Jahre nach dem Geiseldrama - wird der Zweiteiler nun im Fernsehen ausgestrahlt.

Der Realitätscheck

Wie nah ist der ARD-Film denn nun an den wahren Begebenheiten? Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt erklärt: "Wir haben gesagt, wir stellen nur das dar, was belegt ist. Die Dialoge sind zu nahezu 100 Prozent dokumentiert. Selbst Gespräche aus dem Fluchtwagen, weil der verwanzt war."

Geiseldrama von Gladbeck
Regisseur Kilian Riedhof ist ein echter Hesse: Er kommt aus Seeheim-Jugenheim. Bild © picture-alliance/dpa

Tatsächlich ist das Gladbecker Geiseldrama das erste Verbrechen, das von Journalisten in Echtzeit dokumentiert wurde. Die Fehlentscheidungen der Polizei, die fehlende Distanz und der Sensationshunger der Medien, die Gespräche der Geiselnehmer im Fluchtwagen - alles in Bild und Ton festgehalten. Autor Holger Karsten Schmidt und Regisseur Kilian Riedhof konnten sich an diesem Material bedienen, um den Film möglichst echt zu gestalten.

Weil das Produktionsteam von Anfang an befürchtete, dass die realen Figuren sich gegen die filmische Darstellung wehren könnten, wurde außerdem ein Anwalt eingebunden. Er kümmerte sich um die rechtliche Absicherung.

Die Drehorte entsprechen allerdings nur teils der Wahrheit. Die Szenen in der Innenstadt von Bremen wurden beispielsweise in Delmenhorst gedreht. Andere Orte waren Köln und Umgebung sowie Duisburg und Düsseldorf, aber auch Originalschauplätze in Gladbeck.

Sendung: hr3, "hr3 am Vorabend", 07.03.2018, 18:00 Uhr

Aktueller Song:
Lädt
Lädt
voting voting

Herz verschenken und
In-Ear-Kopfhörer MOVE PRO
von Teufel gewinnen

Lädt - Lädt
Lädt - Lädt
mit