Michel Friedmann

Nach dem Anschlag in Halle auf eine Synagoge zeigen sich Politiker aller Parteien geschockt. Für den Journalisten Michel Friedman ist das nicht genug. Er fordert konkretes Handeln gegen den zunehmenden Hass in Deutschland – und macht der AfD schwere Vorwürfe.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Michel Friedman im Interview mit Tobi Kämmerer: "Ich kann das mit der Hilflosigkeit nicht mehr hören"

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Einen Tag nach dem Anschlag in Halle herrscht bundesweit Entsetzen. Dort hatte ein bewaffneter Attentäter versucht, eine Synagoge zu stürmen, die wegen des hohen jüdischen Feiertags Jom Kippur voll besetzt war. Nachdem ihm das nicht gelungen war, erschoss er zwei Menschen auf der Straße und vor einem Dönerladen und konnte anschließend von der Polizei festgenommen werden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) drückte den Angehörigen ihr "tiefstes Beileid" aus. Innenminister Horst Seehofer (CSU) sagte, er sei "zutiefst bestürzt". Außenminister Heiko Maas (SPD) schrieb auf Twitter, der Anschlag treffe "uns ins Herz".

Die Politik in der Pflicht

Für Journalist Michel Friedman, der selbst Mitglied einer jüdischen Gemeinde ist und von 2000 bis 2003 stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland war, reichen diese Worte längst nicht mehr aus. Im hr3 Interview sagt er: "Ich kann das mit der Hilflosigkeit und Scham ehrlich gesagt nicht mehr hören, weil es so eine ritualisierte Form von erster Reaktion ist, die sich dadurch, dass die Gewalt immer brutaler wird, erschöpft."

Statt Hilflosigkeit müssten "endlich auch politische Angebote gemacht werden", so Friedman weiter. Der Anschlag in Halle habe ihn selbst zwar entsetzt, aber nicht überrascht. "Juden werden angegriffen, wenn sie eine Kippa tragen, jüdische Kinder werden angegriffen, wenn man den Davidstern sieht", berichtet er.

Ein Angriff auf uns alle

Die jüdischen Gemeinden in Frankfurt sind deshalb schon seit Längerem durch Polizeischutz abgesichert, beispielsweise vor Kindergärten, Jugendzentren, Schulen und auch Synagogen. Von einem normalen Leben der Juden in Deutschland könne dadurch keine Rede sein.

Der Anschlag in Halle bedeute für die jüdische Gemeinschaft nun eine tiefe Erschütterung und Verunsicherung. Er sei aber nicht nur und ausschließlich das Problem der jüdischen Gemeinschaft, "sondern von uns allen, weil hier eine autoritäre, aggressive, demokratiefeindliche Bewegung versucht, unser Land zu destabilisieren und mit Gewalt zu verändern."

Friedman gibt der AfD Mitschuld

Damit meint Friedman die AfD. "Sie mag demokratisch gewählt sein, sie ist deswegen aber noch lange keine demokratische Partei. Sie ist die Partei der Geistesbrandstifter, sie ist die Partei des Hasses", äußert er sich im Gespräch mit hr3 deutlich.

Mit der Partei sei Hass im Allgemeinen in Landesparlamente und den deutschen Bundestag eingezogen und habe ihn so "teilweise legitimiert und legalisiert". Das habe sich auch schon am Fall Lübcke gezeigt. Der hessische Regierungspräsident war im Sommer ermordet worden, der Täter Stephan Ernst nannte rechsextreme Motive für seine Tat.

Hatespeech on- und offline verfolgen

Von der Politik fordert er deshalb, sich mit dem zunehmenden Rechtsextremismus im Land auseinanderzusetzen: "Neben Themen wie dem Klimawechsel muss der geistige Klimawechsel in unserem Land zu einer der Kernfragen der Politikbeschäftigung werden."

Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte müssten in die Lage gebracht werden, Hatespeech im Internet und im echten Leben zu verfolgen und zu verurteilen. Friedman stellt klar: "Es ist ein Angriff auf die Menschenwürde und muss mit aller Deutlichkeit bestraft werden."

Wir alle müssen tätig werden

Außerdem müssten Präventivprogramme, die verhindern, dass Jugendliche abgleiten, noch konsequenter, breiter und professioneller durchgeführt werden.

Friedman sieht aber auch jeden einzelnen Bürger in der Pflicht, gegen dieses "Klima des Hasses" vorzugehen: "Wir haben immer gesagt: 'Wehret den Anfängen.' Anscheinend haben wir so viele Anfänge nicht abgewehrt, dass wir jetzt mit Toten zu tun haben. 'Wehret den Anfängen' hätte bedeutet, dass wir in der Familie, bei Freunden, im Job, aber auch im Sportverein 'Stopp' sagen, uns einmischen, wenn ein Witz – über welche Minderheit auch immer – diskriminierend stattfindet."

Sendung: hr3, "Die hr3 Morningshow", 11.10.2019, 05:00 Uhr

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