Strg_F Reportage über Sea Watch 3

Ende Juni fuhr Carola Rackete mit dem Seenotretterschiff "Sea-Watch 3" in den Hafen von Lampedusa ein – obwohl die italienischen Behörden ihr das untersagt hatten. Was geschah wirklich an Bord? Journalistin Nadia Kailouli hat die Mission für eine Video-Reportage begleitet.

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Hier kommt Ihr direkt zur Reportage "Exklusiv: Was geschah auf der Sea-Watch 3? "

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Journalistin Nadia Kailouli erzählt von ihren Erlebnissen auf der Sea-Watch 3

Nadia Kailouli
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Carola Rackete – dieser Name hat in den letzten Wochen für heftige Diskussionen gesorgt. Die Kapitänin der "Sea-Watch 3" ist Ende Juni trotz eines Verbots der italienischen Behörden mit rund 40 geretteten Menschen an Bord in den Hafen von Lampedusa eingefahren und hat damit den Streit über Seenotrettung in Europa neu entfacht.

Doch was genau ist damals an Bord der Sea-Watch 3 passiert? Was waren die "untragbaren Zustände", wegen der Rackete sich gezwungen sah, den Hafen verbotenerweise anzusteuern und damit sogar eine Gefängnisstrafe zu riskieren? Eine, die es wissen muss, ist Journalistin Nadia Kailouli.

21 Tage an Bord

Für das Reportage-Format "STRG_F" von Funk, dem Content-Netzwerk von ARD und ZDF, verbrachte sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Jonas Schreijäg drei Wochen auf der Sea-Watch 3 und erlebte hautnah, was Seenotrettung bedeutet – mit allen Höhen und Tiefen. Sie haben die komplette Mission begleitet, sprachen mit Geflüchteten, filmten Crewmeetings und die Verhandlungen mit den italienischen Behörden.

Strg_F Reportage über Sea Watch 3

Im hr3 Interview mit Stefan Frech aus der hr3 Morningshow erzählt sie: "Ich habe es vor allem an mir selbst erlebt, dass ich mich selbst zusammenreißen musste, nicht durchzudrehen irgendwann. Man hat realisiert, dass man gefangen ist auf diesem Schiff." Schließlich mussten Kapitänin Rackete, ihre Crew und die Geflüchteten während der Verhandlungen mit den Behörden mehrere Wochen auf See verweilen, ohne einen Hafen ansteuern zu dürfen.

Die Stimmung verändert sich schnell

Weil Nadia vor drei Jahren schon einmal eine Seenotrettermission begleitet hatte, wusste sie, worauf sie sich einlassen würde. Die 53 Flüchtlinge, die das Bürgerkriegsland Libyen unter anderem wegen Folter und Vergewaltigung verlassen hatten, wussten das nicht.

Die Journalistin erklärt: "Ein traumatisierter Mensch kann eben noch gut drauf sein, Karten spielen und über seine Vergangenheit erzählen. Zwei Stunden später kann dieser Mensch aber kopfschüttelnd an der Reling stehen und sagen 'Ich springe jetzt, ich halte das nicht mehr aus'. Und das sind dann eben untragbare Zustände."

Körperliche und psychische Beschwerden bei den Geflüchteten

Das Schiff "Sea-Watch 3" vor der libyschen Küste.

Sie kritisiert vor allem eines: dass die meisten Menschen diese "untragbaren Zustände" erst dann erkennen würden, wenn Menschen körperlich gebrechlich sind. "Die Psyche interessiert wenige Leute und das ist sehr schade, dass wir das nicht ernst nehmen", konstatiert Nadia.

Dabei hatten viele der Geflüchteten auch körperliche Beschwerden. 13 von ihnen – darunter ein Baby, ein Kleinkind und drei Minderjährige – wurden deshalb schon vor der Einfahrt in den Hafen aus medizinischen Gründen vom Schiff geborgen.

Auch für die Helfer eine Herausforderung

Einige der Seebrüchigen erlitten Verätzungen auf der Haut. "Man muss sich vorstellen, in so ein Plastikboot schwappt immer wieder Salzwasser und die Flüchtlinge sind angehalten, den Tank an ihrem Motor immer wieder selbst mit Benzin zu befüllen, um überhaupt fahren zu können. Und wenn sich Salzwasser mit Benzin mischt, wird das zu einer ätzenden Mischung, die sich in die Haut reinbrennt", so Nadia.

Diejenigen, die auf der Sea-Watch 3 verweilen musste, wurden von mitgereisten Ärzten medizinisch betreut. Auch für diese ehrenamtlichen Helfer ist die Zeit auf dem Schiff eine Herausforderung, wie Nadia weiß: "Ich glaube, dass nicht jeder dafür gemacht ist. Man muss wirklich eine Form der Distanz für sich selbst im Kopf ausmachen."

"Sobald man involviert ist, verändert sich viel"

Strg_F-Reportage über Sea Watch 3 Mission

Einige der Crewmitglieder, die das erste Mal an einer Rettungsmission teilnahmen, resignierten mit der Zeit. "Da war eine junge Medizinstudentin dabei, Verena, die erstmal sehr klar war und sagte 'Ich bin keine Aktivistin, ich bin Medizinstudentin'. Es gehört zu ihrer Vita dazu, bei diesen humanitären Aufgaben mitzumachen. Sie hat sich dann so heftig entwickelt, war auch politisch immer mehr enttäuscht, dass keiner bereit ist, diese Menschen aufzunehmen. Sobald man involviert ist, verändert sich viel", so Nadia.

Sie ist deswegen dafür, dass auch diejenigen, die politische Entscheidungen treffen, "einfach mal mitfahren – denn wenn wir das zulassen würden, dass Politiker bei solchen Aktionen dabei sind, hätten wir, glaube ich, eine sehr viel humanere Europapolitik."

Was bleibt von der Debatte?

Die Freiwilligen, die sich in der Seenotrettung engagieren, sind für Nadia deswegen auch Helden: "Sei es ein Kapitän, der verantwortlich ist und Entscheidungen trifft oder eine Krankenschwester, die ihre drei Wochen Jahresurlaub dafür nimmt, auf ein Schiff zu gehen und anderen Menschen zu helfen."

Die Funk-Reporterin hofft, dass die Debatte um die Sea-Watch 3 und Kapitänin Carola Rackete auch langfristig nachwirkt: "Das Thema Seenotrettung ist nicht neu, dass Schiffe in keinen Hafen kommen war letztes Jahr auch schon so. Durch Carola Rackete ist es natürlich zu einer großen Überschrift geworden und ich bin selbst sehr gespannt, wie sich das in den nächsten Monaten entwickelt, ob es politische Konsequenzen gibt, ob es Entscheidungen gibt."

Hier könnt Ihr Euch die Reportage von STRG_F ansehen

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Das Format STRG_F

Die Kombination "STRG_F" steht bei Computertastaturen für "Suche". Analog dazu begibt sich im Funk-Format ein junges Team von Reportern und Autoren auf die Suche nach Antworten auf komplexe Fragen. Die Geschichten drehen sich um Themen, die für junge Leute in ihrer Lebenswelt politisch oder gesellschaftlich relevant sind. Die Reportagen erscheinen auf YouTube und wurden mehrfach ausgezeichnet.

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Sendung: hr3, "Die hr3 Morningshow", 08.08.2019, 05:00 Uhr

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