Männliche Küken

Männliche Küken haben für die Agrarbranche keinen wirtschaftlichen Nutzen – und werden deshalb getötet. Ist das mit dem Tierschutzgesetz vereinbar? Das Bundesverwaltungsgericht hat entschieden: Bis es Alternativen gibt zur Geschlechtsbestimmung im Hühnerei bleibt das Töten rechtsmäßig.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Das erwartet sich Kathrin Goebel vom Bio-Betrieb Hofgut Oberfeld vom Urteil

Küken und Eier
Ende des Audiobeitrags

Rund 45 Millionen männliche Küken werden jedes Jahr in Deutschland vergast. Der Grund dafür ist banal: Die Agrarbranche hat keine Verwendung für die männlichen Küken. Sie legen keine Eier und liefern nicht genügend Fleisch. Stattdessen werden sie mit Kohlendioxid vergast, "geschreddert" und beispielsweise als Tierfutter für Greifvögel und Reptilien verwendet.

Weitere Informationen

Konsum verdoppelt, Preis bleibt gleich

Zwischen 2001 und 2010 hat sich der Konsum von Hähnchen verdoppelt – von 419.000 Tonnen auf 802.000 Tonnen. Der Preis ist nicht angestiegen. Gleiches gilt für den Eierpreis: Der hat sich seit 1975 fast halbiert.

Ende der weiteren Informationen

Am Donnerstag hat das Bundesverwaltungsgericht entschieden, dass das wirtschaftliche Interesse kein vernünftiger Grund sei, männliche Küken zu töten. Bis es aber Alternativen gäbe zur Geschlechtsfrüherkennung im Hühnerei, bleibe die Praxis weiter rechtmäßig. Das Bundesverwaltungsgericht geht davon aus, dass so ein Verfahren in Kürze zur Verfügung stehe.

In Hessen gibt es bereits eine ähnliche gesetzliche Grundlage

Allein die Firma LSL in Schaafheim im Kreis Darmstadt-Dieburg tötet als größte deutsche Brüterei jährlich etwa 12 Millionen Küken durch das Einbringen von Kohlendioxid. Das zuständige Veterinäramt hat dem Betrieb allerdings im Jahr 2014 die Tötung männlicher, nicht zur Schlachtung geeigneter Küken verboten, sobald ein technisches Verfahren zur Geschlechtsbestimmung verfügbar ist, welches im Praxisbetrieb frühzeitig und zuverlässig anwendbar ist.

Küken Eier

Die Tierschutzbeauftragte von Hessen, Dr. Madeleine Martin, begrüßt im hr3 Interview das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts und ist optimistisch, dass bis 2020 das Alternativverfahren der Geschlechtserkennung bundesweit verbreitet sei.

Weitere Informationen

Warum kommen männliche Küken nicht einfach als Brathähnchen auf den Teller?  

Legehennen sind so gezüchtet, dass sie viele Eier legen. Weil man sich bei der Zucht lange darauf konzentriert hat, setzen sie kein Fleisch an. Dafür gibt es extra gezüchtete Masthühner. Die legen aber wiederum weniger Eier. Die Hähne der Legehennen-Züchtung – sogenannte Bruderhähne – setzen leider auch weniger Fleisch an und eignen sich daher nicht als Brathähnchen.

Ende der weiteren Informationen

Was sind die Alternativen?

Ein solches Alternativverfahren ist das "Seleggt-Verfahren", entwickelt von der Firma Seleggt und der Rewe Group. Das Bundeslandwirtschaftsministerium präferiert diese Methode, bei der dem Ei zwischen dem achten und dem zehnten Bruttag ein wenig Flüssigkeit entnommen und darüber das Geschlecht bestimmt wird. Männliche Brut-Eier werden aussortiert, aus allen anderen Eiern schlüpft am 21. Bruttag ein weibliches Küken.

Diese Methode ist das erste "marktreife" Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei und soll eine Genauigkeit von rund 98 Prozent haben. Ab 2020 soll es bereits den ersten Brütereien zur Nutzung angeboten werden.

Das Verfahren ist umstritten

Allerdings ist die Vorgehensweise umstritten. Denn aktuell ist nicht nachzuweisen, ab wann Embryos Schmerz empfinden. Experten des wissenschaftlichen Dienst des Bundestages gehen derzeit davon aus, dass Embryonen vor dem siebten Bebrütungstag keine Schmerzen empfinden und nach dem 15. Tag von einem Schmerzempfinden ausgegangen werden muss.

Über den Zeitraum dazwischen gibt es derzeit aber noch keine gesicherten Erkenntnisse. Bei dem Seleggt-Verfahren wird das Geschlecht aber genau dann bestimmt: zwischen dem achten und zehnten Bruttag. 

Eier in einer Eierschachtel.

Der Deutsche Tierschutzbund lehnt jede Methode ab, die nach dem sechsten Bruttag angewendet wird, weil niemand mit Sicherheit bestätigen könne, dass Hühnerembryonen nach dem siebten Tag der Bebrütung keine Schmerzen empfinden.

Für Bio-Bauern geht das am eigentlichen Problem vorbei

Auch Kathrin Goebel vom Bio-Betrieb Hofgut Oberfeld in Darmstadt ist gegen das Verfahren. Sie setzt stattdessen auf das sogenannte Zweinutzungshuhn. Dabei wird das weibliche Huhn für das Eierlegen und das männliche für das Fleisch genutzt. Die Massenproduktion würde dadurch eingeschränkt, die Tiere insgesamt "heruntergezüchtet" und auch die Endprodukte etwas teurer.

"Für mich verlegt man eigentlich diesen Tötungszeitpunkt eines durch die extreme Zucht hervorgerufenen 'wertlosen' Tieres nach vorne und das ist für mich nicht die Lösung. Ich habe ja in diesem Ei schon einen Embryo und wenn ich jetzt eine Geschlechtsbestimmung mache, kann ich die männlichen aussortieren und muss dann diese ganzen Eier – in denen ja schon ein Embryo drin ist – komplett entsorgen. Das heißt, ich habe nach wie vor einen Haufen Tiere, jetzt in Form von Eiern mit Embryo drin, die ich aussortieren und entsorgen muss und das ist für mich keine Lösung."

Sie sieht außerdem die Gefahr, dass das Zweinutzungshuhn nach der Einführung der Seleggt-Methode keine Chance mehr auf dem Markt hätte. Es wäre ihrer Meinung nach höchstens ein Kompromiss, würde aber nichts an der Massenproduktion ändern.

Kompromiss zwischen Tierwohl und Wirtschaftlichkeit

Die Landestierschutzbeauftragte Dr. Madeleine Martin hingegen sieht die Fruchtwasseruntersuchung als ersten wichtigen Schritt an:

Supermarkt Eier

"Ich persönlich hoffe auch, dass wir den Weg zum Zweinutzungshuhn gehen. Nur im Moment müssen wir feststellen, dass die Bevölkerung und auch der Handel nicht bereit sind, diesen Weg in der Breite mitzugehen. Aus meiner Sicht gehen wir jetzt einen Zwischenschritt, der uns so lange trägt, bis wir tatsächlich ein Zweinutzungshuhn haben, das auch vermarktbar ist. Politik ist für mich Ausgleich und das bedeutet auch, dass wirtschaftliche Aspekte in die Entscheidung einfließen müssen."

Für sie steht derzeit im Vordergrund, dass man den Tieren, die nach dem Schlupf getötet werden, unnötiges Leid erspare.

Forderung nach Ernährungslehre

Obwohl sie grundsätzlich das Prinzip des Zweinutzungshuhns befürwortet, fehlt nach Ansicht von Dr. Martin für diese Lösung ein entscheidender Erfolgsfaktor für eine Vermarktung: Die Menschen wüssten nicht, was sie aus unpopulären Stücken wie etwa Hühnerbeinen zubereiten sollen und kaufen nur die Hühnerbrust - bzw. flügel.

In einem Schulfach sollte ihrer Meinung nach unterrichtet werden, wie diese Teilstücke zubereitet werden, die derzeit noch in Entwicklungsländer verschifft werden. "Diejenigen, die Bruderhähne kaufen, müssen kochen können, sonst wissen sie nicht, was sie damit machen sollen", so die Landestierschutzbeauftragte. Erst wenn es ein Bewusstsein für die vollständige Verwendung der Tiere gäbe, könnten Zweinutzungshühner erfolgreich am Markt platziert werden.

Weitere Informationen

Daran erkennt Ihr "Bruderhahn"-Eier

Verschiedene Initiativen setzen sich für die Aufzucht männlicher Küken ein. , u.a.

  • die Initiative Bruder-Ei (bei SuperBioMarkt)
  • Haehnlein (u.a. bei Tegut, Alnatura, Denns, Edeka, Real und Rewe)
  • Basic Bruderherz-Initiative (bei Basic)
  • Spitz & Bube (bei Rewe)
  • Herz Bube (bei Penny).
Ende der weiteren Informationen

Sendung: hr3, "hr3 am Vormittag", 12.06.2019, 09:30 Uhr

Aktueller Song:
Lädt
Lädt
Lädt - Lädt
Lädt - Lädt
mit